Corona-Tagebuch – 6. Eintrag

Erste schlaflose Nacht sei Corona. Und wer hat das angetriggert? Der Herr Steinmeier. Habt Ihr gestern auch die Osteransprache unseres Bundespräsidenten zu Ostern gehört?

Aufbruch, Hoffnung, Neuanfang.

In meinem letzten Blogeintrag schrieb ich noch, dass ich versuchen wolle jedem Einzelnen seine Bedürfnisse und den Umgang mit der Corona-Krise zuzugestehen. Es fällt mir immer noch schwer. Damit meine ich ganz bestimmt nicht mein persönliches Umfeld. Meine Kollegen? Top! Meine Freunde? Topper! Meine Familie? Toppest!

Was mir aber sonst so zu Ohren kommt, bringt mich doch trotz sorgfältigen Abwägens sehr ins Grübeln. Wird unsere Gesellschaft, wie vom Bundespräsidenten angenommen gestärkt und gereift aus der Krise hervorgehen?

Da sind auf der einen Seite so viele Menschen, die über sich hinauswachsen, die bis zur totalen Erschöpfung für andere da sind, die sich aufopfern. Da sind so viele kreative Ideen, wie wir unter den gegebenen Umständen, das Beste aus der Situation machen. Da sind Hilfsangebote ohne Ende, wo ich sehe, dass die Hilfe auch ankommt. Schützen, die für ältere Menschen einkaufen gehen. Tafeln, die sich neu organisieren und es schaffen Bedürftige weiter zu versorgen. Flinke Finger, die in ihrer Freizeit eine Maske nach der anderen nähen. DJs, die im Hof von Altenheimen kostenlos Konzerte geben. Die Liste der Kreativen, Hilfsbereiten und schlichtweg über sich Hinauswachsenden ist ellenlang.

Und dann sind da die, die mit Rollkoffern Gabenzäune abgrasen. Die, die Klopapier hamstern und zum doppelten Preis bei Ebay verticken. Die, die bei Flaschenpost 40 Kisten Wasser ordern und in den 8. Stock schleppen lassen – ohne Aufzug! Die, die anstatt ihren Mitarbeitern für die geleistete Arbeit zu danken, diese zu höher, schneller, weiter antreiben. Die, die beim Tierschutz einen gespendeten und abgestellten Sack Hundefutter klauen.

Das sind keine in den sozialen Medien geteilten Informationen. Das sind Infos face-to-face, Tatsachenberichte. Zum Beispiel vom Flaschenpost-Mann, der gestern unsere alleinerziehende Nachbarin mit drei Kindern mit Wasser und einer (!) Packung Toilettenpapier versorgt hat.

Schweißüberströmt setzte er seine Tour fort, nachdem er sich Zeit für diesen kleinen Austausch mit mir genommen hat. Den angebotenen Kaffee musste er aus Zeitgründen ablehnen. Ein Satz von ihm hängt mir nach: „In der Krise ist sich jeder selbst der nächste.“

Sollte gerade das nicht umgekehrt sein?

Für mich ist das umgekehrt. Ich gehe nicht nur deshalb so selten, zu ungewöhnlichen Zeiten und immer alleine einkaufen, um mich zu schützen. Ich bleibe nicht deshalb viel zuhause und umradel auf Touren jeden in hohem Bogen, weil ich Angst vor einer Ansteckung habe. Gut, ich bin nicht scharf drauf, flach zu liegen. Andererseits wäre ich dann immun und könnte danach meine Mutter endlich besuchen. Nein! Ich mache das vor allem, weil es im Moment das wichtigste Gebot der Stunde ist. Die einzige Möglichkeit besonders Gefährdete zu schützen, unser im Moment noch so gut funktionierendes System am Laufen zu halten und vor allem auch all denen, die sich dafür ins Zeug legen, dass ich hier zuhause so gut versorgt bin mit Lebensmitteln, Energie und Wasser, neuem Lesestoff, Medikamenten etc. meine Anerkennung zu zollen.

Wieso kommt da jemand auf den Gedanken, gerade das so schamlos auszunutzen? Mich schockt es zutiefst, wie Menschen die Hilfsbereitschaft derart kriminell für sich nutzen.

Und jetzt zum Herrn Steinmeier: Wird die Menge an Guten, Hilfsbereiten und Solidarischen, die Menge der Geiz-ist-Geil-Geilen, der Ego-First-Gläubigen, der Wirtschaft-vor-allem-Anbeter am Ende übersteigen? Wird nach Corona und der prognostizierten Rezession immer noch die Rede davon sein, Pflege anständig zu bezahlen? Krankenhäuser finanziell besser auszustatten? Die Produktion von diesem und jenem nach Deutschland zu verlegen anstatt auf Globalisierung zu vertrauen? Mehr in Forschung und Bildung zu investieren? Erinnert sich nach Corona noch jemand daran? Oder sind das schon vorgezogene Wahlversprechen?

Scheiße! Heute ist Ostern! Ich sollte an das Gute glauben. An Aufbruch, Neuanfang und den Osterhasen. Es fällt mir schwer. Im Moment. Vielleicht ist es morgen schon besser. Aber heute fällt es mir verdammt schwer.

Ich gehe dann mal das Video drehen für den 80. Geburtstag meiner Mutter morgen. Damit mache ich ihr eine Freude und mir auch. Das hab‘ ich gerade nämlich ziemlich nötig.

Und übrigens: Frohe Ostern. Bleibt gesund!

©Text und Foto: Andrea Steffen

2 Antworten auf „Corona-Tagebuch – 6. Eintrag“

  1. Neuerlicher Return an der Ping-Pong-Platte. Was macht das Virus mit uns, der Gesellschaft? Alles wird anders, aber wie? Ich würde auch so gerne hoffen, dass die vielen guten Ansätze ein neues Wir-Gefühl hervorbringen, aber mein Eindruck ist eher der, dass die alten Schablonen noch da sind, sich zwar mit anderen Inhalten füllen, aber das Grundprinzip des Egoismus noch lange nicht überwunden ist. Vorsichtig optimistisch formuliert.

    1. Das ist so ziemlich das, was mich auch umtreibt. Lernen wir als Gesellschaft daraus? Am Anfang gab es noch diese Aufbruchstimmmung. Gefühlt sind aber inzwischen immer mehr in einer Ellenbogenmentalität unterwegs. Ich glaube auch, dass es enorm schwierig ist aus seinen Schablonen rauszukommen und neue Wege zu betreten. Aber wenn nicht jetzt, wann dann? Genau jetzt ist doch der Zeitpunkt das eigene Verhalten und Handeln kritisch zu hinterfragen – und ob man damit überhaupt noch glücklich ist. Aber der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier. Alte Muster sind ihm heilig. Die zu durchbrechen ist schwer. Fast nichts ist so schwer, wie gelerntes Verhalten zu ändern. Deshalb stehen allein schon neurologisch die Chancen dafür schlecht. Wer immer in seinem Hamsterkäfig im Kreis rennt, der schafft den Sprung nach draußen oft nicht.

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