Corona-Tagebuch – 8. Eintrag

Meiner Karriere als Miss Curvy steht definitiv nichts mehr im Wege.

Nicht, was ihr jetzt wieder denkt. Da könnte ich ja schon lange mithalten. Allerdings habe ich Laufstegangst. Was vermutlich daher kommt, dass ich einmal runtergefallen bin – als Teenager vor einem wie mir damals schien schier riesengroßen Publikum. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich rede also nicht von den Idealmaßen mit Größe 46, sondern von einer Eigenschaft, die ich seit Beginn von Corona stetig weiter ausbaue: Das Curven. Also das Umkurven von Hindernissen. Hindernissen in Menschengestalt, um die Abstandsregel von mindestens 1,50 m einzuhalten.

Mit Weitblick ist das alles kein Problem. Ich wechsele notfalls die Straßenseite, warte auf dem Treppenabsatz, wenn mir im Büro jemand entgegenkommt, reihe mich mit Abstand in Schlangen vor der Post, Eisdiele, dem Baumarkt…

Knifflig wird‘s, wenn ein Rollator schiebender Mittachtziger erstaunlich zackig hinterm Whiskeyregal auftaucht. Dann schlage ich Haken wie ein Hase. Hasencurvy. Was mich an den Playboy-Bunny denken lässt. Lassen wir das. Das bringt ja jetzt nichts.

Wie auch immer, ich kurve, umkurve, schlage Haken, weiche aus und zurück und bin genervt von diesem ganzen Distanzhalten. Aber nicht nur das. Ehrlich gesagt, nagt es an mir. Ein Umgang mit meinem Mitmenschen, wie ich ihn mir wünsche, ist einfach nicht mehr möglich.

Zu gerne hätte ich mich letzte Woche von meinen Kollegen mit einer kurzen, festen Umarmung verabschiedet zum Dank für ihre Unterstützung – gerade jetzt!

Zu gerne hätte ich mit dem netten jungen Mann nach dem Reifenwechsel einen kleinen Smalltalk gehalten, um ihm zu zeigen, dass ich seine Arbeit wertschätze. Der Anerkennungsobolus musste nun auch in die Spardose für alle wandern. Hat er mein unter der Maske genuscheltes „schönes Wochenende“ überhaupt mitgekriegt?

Zu gerne hätte ich der Nachbarin mal eben beim Einladen ins Auto geholfen und Hand angelegt.

Diese Liste könnte ich endlos fortführen. Klar, ich weiß, ein Lächeln ist umsichtig, ein Thumb-Up muss auch als Zeichen der Anerkennung gerade mal reichen. Trotzdem fühle ich mich gehemmt im Umgang mit anderen. Ich merke, wie ich unter dem Nase-Mund-Schutz zusehends verstumme.

Die vielen Chats und Videotelefonate können mitnichten ausgleichen, was mir fehlt. Wusstet ihr eigentlich, dass bei jeder Berührung Oxytocin ausgeschüttet wird? Das Hormon, das für eine gute Bindung sorgt. Jeder Handschlag, jedes Schulterklopfen, jede noch so kleine Berührung sorgt für eine kleines bisschen mehr Verbindung miteinander; dass wir emotional berührt werden.

Oxytocin sorgt als Gegenspieler zum Cortisol übrigens auch dafür, dass Stress, bzw. die Folgen von Stress reduziert werden können und man sich entspannt. Da Corona für einen hohen Stresslevel sorgt, wäre es also umso wichtiger, mit möglichst viel Kuscheln und Hautkontakt gegenzusteuern. Was besonders für alleinlebende Menschen schwierig sein dürfte.

Es ist also verständlich, dass die Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus dazu führen, dass die Menschen wieder näher zusammenrücken. Ich beobachte das seit dieser Woche: Der Abstand in den Schlangen an der Supermarktkassen wird geringer. Schüler fahren in Grüppchen mit dem Fahrrad zur Schule. In der Nachbarschaft wird zu viert gegrillt.

Es ist so verdammt schwer, auf Abstand zu gehen und zu bleiben. Ich bin von Hause aus alles andere als ein Herdentier. Ich laufe häufig in die entgegengesetzte Richtung. Ich bin oft außen vor. Und doch brauche auch ich mehr als meine Familie: meine Mädels, meinen Sportverein, meine Nachbarschaft, meine Kollegen – und  zwar nah.

Was sagte unsere Tochter heute am Telefon? „In Zeiten von Corona lernt man viel über sich selbst.“ Stimmt. Ich will nicht nur berührt werden, ich brauche es auch. Und wenn schon nicht körperlich, dann doch bitte mental. Ich werde also weiter chatten und telefonieren, auf Social Media rumgucken, denn das ist das einzige, was im Moment geht – außer natürlich den Kater kraulen. Oder den Mann. Am besten beide. Ich habe ja zwei. Hände.

Oder aber ihr lasst mir einen Kommentar hier, denn Oxytocin wird ebenfalls bei Belohnung ausgeschüttet. Ich revanchiere mich gerne.

©Andrea Steffen
Bild von janita-_- auf Pixabay

2 Antworten auf „Corona-Tagebuch – 8. Eintrag“

  1. Hi 👋
    Du hast mal wieder alles super beschrieben. Beim Einkaufen hatte ich eher das Gefühl Stratego zu spielen, den Mitmenschen auszuweichen und selber darauf zu achten nicht den anderen vor die Füße zu springen!
    Leider ist es schwieriger geworden- Mundschutz ist zwar auf, aber Abstandsregel damit runtergefallen!!

    1. Ahhhh!Spürst du wie das Oxytocin durch meine Adern fließt ;-)? Danke für den Kommentar, Steffi!

      Es ist wirklich sowas wie Hürdenlauf, wobei es hier auf dem Dorf ja ganz gut machbar ist. Keine Ahnung, wie das in Düsseldorf ist. Im Moment möchte ich das noch nicht ausprobieren.

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