Down Under – Teil 1

 

Wie war’s? Die Frage wird mir seit Wiedereintritt in die westliche Hemisphäre andauernd gestellt. Und was soll ich sagen, Leute?

75-Miles-Beach / Fraser Island

Australien ist ein komisches Land. Die haben da z.B. ellenlange Strände. Man trifft keinen Menschen und kann überhaupt nicht nach dem Weg fragen. Es gibt sogar Strände mit Namen wie “75-Miles-Beach” z.B. auf Fraser Island. Der ist dann gar nicht 75 miles long, sondern bloß 70 bis 80 Kilometer. Da fragt man sich schon, wie genau die das da nehmen mit der Wahrheit. Und dann brettern die da noch wie bekloppt mit 4WD über den Strand mit 80 Sachen, wenn da nicht gerade eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 50 km/h besteht. Ich sach ja, komisch irgendwie. “Down Under – Teil 1” weiterlesen

Ein Streifzug durch Brüssel 

 

Hotel gebucht, getankt, zwei Stunden Fahrt und schon ist man da. Brüssel ist praktisch um die Ecke. Umso erstaunlicher, dass wir diesem Mekka europäischer Parlamentarier bisher noch keinen Besuch abgestattet haben. 

Regen beim Manneken Pis
Der erste Eindruck: ruhig. Aber das täuscht, denn es ist Sonntag. Der zweite: laut und turbulent. Auch das täuscht, denn erstens ist nicht immer Summer Festival und zweitens gibt es abseits vom trubeligen Zentrum kleine feine und stille Fleckchen. Die sollten wir aber erst später entdecken. Der dritte: nass. Auch das stimmt nicht vollends, denn zwischendurch kam immer wieder die Sonne raus.

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Windstille

 

 

Nur noch eine kleine Anhöhe. Die Schafe liegen im morgennassen Gras, mahlen mit ihren Unterkiefern und beäugen uns. Direkt daneben mit der Kruppe gen Meer eine große Herde Shettys, allesamt dunkelbraun, ruhig wie ein Scherenschnitt. Ein ganz leichter Frühnebel liegt noch auf dem Grünstreifen zwischen Weiden und Dünen und als der Schwarm schnatternder Gänse im Landeanflug im weichen Grau verschwindet, kriecht eine Gänsehaut mein Rückgrat rauf. „The Fog“ lässt grüßen. 

 

Aber schon ein paar Schritte weiter oben am höchsten Punkt der Düne ist diese Gefühl wie weggewischt. Die See liegt glatt zu unserem Füßen, der Strand lang und breit. Es ist Ebbe, auch an Menschen. 

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Norwegen ist nicht Amerika

100-Jähriger auf dem Marktplatz von Villasimius

 

Ich gehöre noch zu der Spezies, die aus dem Urlaub neben WhatsApp-Nachrichten auch Postkarten verschicken. Und das kann kommunikativer sein, als man es sich gemeinhin vorstellt. 

 

Die fünf Postkarten waren gekauft. Die Frage nach den Briefmarken war meinem Gesicht wohl abzulesen. „La tabbacceria“. Jau, das hatte ich kapiert und ich wusste sogar, wo der Tabakladen sich befand. Bei einem so kleinen Ort wie Villasimius mit 3.645 Einwohnern ist das auch keine wirklich intellektuelle Leistung. 

 

Gehört, getan. Den beiden Damen hinterm Verkaufstresen hielt ich die 5 Postkarten entgegen. 85 ct je Briefmarke. Aha, aber … eine musste nach Norwegen und ich erklärte, indem ich mit den Armen eine große Rundung formte und anschließend den erhobenen Zeigefinger bedauernd vor meiner Brust wedelte, dass Norwegen nicht zur Europäischen Union gehöre: „Norway no Unione Europea.” Das war gestottert, grammatikalisch völlig daneben, wurde aber verstanden. 

 

Die ältere der beiden Damen, etwas vierschrötig und mit dem Kinn gerade so über die Theke schauend, kapierte sofort. „Un momento.“ Sie wuchtete ein ca. 2.000 Seiten dickes Pamphlet aufs glattgeschliffenen Holz und fing an zu blättern. Die jüngere, lang und dünn holte dagegen ihr Handy aus der Hosentasche und bearbeitete es eifrig mit den Fingerspitzen. 

 

Es herrschte Ruhe. 

Mittagsruhe auf der Piazza
Derweil bildete sich hinter mir eine Schlange. Einer wagte es aufzumucken und wurde mit ein paar harschen Äußerungen und einem „Subito“ in seine Schranken verwiesen. Das nahmen aber die Wartenden nicht krumm, sondern ergriffen schnurstracks die Gelegenheit sich kurzerhand um mich gruppieren. Es sah aus, als hätte von der Ladentüre aus jemand eine Billardkugel in die kleine Menschenmenge gestoßen. 

 

Der erste nahm mir mal gleich die Postkarten aus der Hand, begutachtete sie und erklärte – vermutlich – welcher Strand wirklich schön und sehenswert war und welcher nur touristischer Anlaufpunkt. Ein weiterer hielt mir sein Handy unter die Nase und ich machte Bekanntschaft mit seinem soeben geborenen Enkel in allen möglichen Lebenslagen. Ich beglückwünschte den frisch gebackenen Großvater und würdigte das Ereignis entsprechend. 

 

Auch das gibt’s im Tabakladen

Ein jüngerer Mann löste sich aus der Gruppe und wollten La Mama hinter der Theke behilflich sein. Er flog geradezu aus dem Aktionsradius der nach wie vor wild Blätternden und gesellte sich in etwas geduckter Haltung zu mir und den beiden anderen aus der Schlange. Die drei hatten die Idee, man könne doch Fotos schießen mit dem Handy des Opas.  

Unterbrochen wurden wir aber von den lautstarken Diskussionen der beiden Ladies hinterm Tresen. Ich würde jetzt nicht sagen, dass sie sich anschrieen, aber hitzig war die Debatte schon. Ein älterer Herr aus den hinteren Reihen kam zu Beschwichtigungszwecken nach vorn. Er kann froh sein, dass ihm das postalische Handbuch nicht über den kahlen Schädel gezogen wurde.  

 

Mama mia! Und ich war der Auslöser für das Gezicker da in einem Meter Entfernung. Sollte ich den Rückzug antreten? Kam nicht in Frage. Und zwar deshalb weil mittlerweile eine fünfte Person den Laden mit einem kräftigen Räuspern betreten hatte. Ich vermute, es war die Mama der Mama! Alles drehte sich wie an Fäden gezogen zu ihr um.  

 

Mama della Mama stemmte die Arme in die ausladenden Hüften, ließ den Damenbart zittern, strich sich den eh extrem straff sitzenden Haarknoten glatt und intonierte mit einem Bass, der viele Männer mit Neid hätte erblassen lassen: „Finito, basta, Norvegia no esta America.“ 

 

Und damit hatte es sich. Norwegen ist nicht Amerika! Auf die Postkarte kam eine 85 ct-Briefmarke und was soll ich sagen? La Nonna hatte recht. Die Karte ist angekommen!
 

 

Text und Fotos: ©Andrea Steffen

Miguel Molto English

Lieblings-Trattoria

Sardinien empfängt uns mit einer noch milchigen Morgensonne und wir falten uns in den gemieteten Fiat Punto, um unser Hotel kurvenreich anzusteuern. Der erste Gang durchs Örtchen Villasimius ist langsam. Unglaublich langsam. Schön langsam.

Piano!

Das Geplauder der Hausfrauen auf dem Bürgersteig ist italienische Oper in den Ohren, die Palmwedel winken mir ganz persönlich zu, die Sonne wärmt angenehm den Nacken und der Wind zauselt sofort eine Urlaubsfrisur.

Molto bene!

 

Hier kommt der Genuss
Wir steuern die Trattoria in der Ortsmitte, die für den Rest des Urlaubs gleich die Lieblingstrattoria bleibt, für einen ersten Cappuccino an.

Bravo.

Mit dem Ober verständigt man sich mit Handzeichen und Spanisch. Englisch ist hier nicht. Braucht man nicht. Wozu hat der Mensch Hände und eine ausgeprägte Mimik?

 

Im Tante-Emma-Laden allerdings wird es dann doch was knifflig. Der durstige Tourist kauft Wasser (con gaz, da hilft das Spanisch wieder) und sieht sich einem hölzernen Regal voller einladender Weinflaschen gegenüber. Naturalemente! Ein Wein zum Sonnenuntergang ist ein Muss im Urlaub.

 

Öffner. Was heißt Öffner auf Italienisch? Auf Spanisch? Keinen blassen Schimmer.

Non ho capito.

 

Einmal pro Woche kommt Luigi mit dem Laster
Ich gebe mein Bestes, ahme das Öffnen des Weins nach, intoniere „Plopp-plopp“ und anschließend „Gluck-gluck.“ Die Verkäuferin guckt interessiert. Das hilft nicht wirklich. Sie ruft „La Mama“, die wiederum „La Nonna“ ruft.

 

Alle kommen aus sämtlichen Ecken des Minimarktes herbei. Ich lege mich noch mehr ins Zeug, schlucke, gluckse, schraube, ziehe in die Luft, ploppe und mache „Ah!“ Alle gucken. Ratlos. Der Raum ist gefüllt mit Fragezeichen bis plötzlich La Nonna den rechten Zeigefinger in die Luft schießt und ruft „Miguel, ah, si, subito!“

 

Auf der Piazza hat man Zeit, als 100-jähriger sowieso
Grazie a Dio!

 

Oma, Mutter und Enkeltochter bilden eine Kette durch den Laden und vorbei an Pasta, Pomodori, Pecorino und Pollo setzt sich in Wellen der Ruf „Miguel, pronto, pronto“ fort.

 

Langsam teilt sich ein dunkelgrüner, schon recht verschlissener Vorhang in der hintersten Ecke des langgezogenen Raums. Heraus tritt ein baumlanger, etwas pickeliger Jüngling und schlurft vorbei an Biscotti und Bananas. Von den weiblichen Familienmitgliedern wird er mit Anfeuerungsrufen und ausholenden Handbewegungen in unsere Richtung bugsiert. Er bleibt vor uns stehen, während sich die Damenmannschaft um uns formiert.

 

Auftritt Miguel!
TukTuk

Die Großmutter schaut uns begeistert an und präsentiert mit nach oben gerichteten Handflächen und einem breiten Grinsen: „Ecco mio Miguel. Miguel, molto English!“

Sehr schön, ein englischsprechender Italiener mir spanischem Vornamen. Wir sind genauso begeistert wie La Nonna. Unsere Frage nach einem Weinöffner beantwortet das hoch aufgeschossene Sprachwunder mit einem ebenso lapidaren wie klaren „No!“, dreht sich um und schlurft zurück hinter den Vorhang.

 

Abgang Miguel Molto English.

 

Nun denn, der Wein wandert zurück ins Regal. Wir lassen uns noch ein Gesöff von La Mama in einer Plastikflasche für 4,50 € andrehen, das sich später als selbstgebrannter Hirnzellenvernichter erweist und fahren von dannen.

 

Aber egal. Miguel Molto English wird uns in Erinnerung bleiben!

Ciao giovincello!

 

Text und Fotos: ©Andrea Steffen

 

Samstagsmarkt in Villasimius