Tore & Tequila

Ich habe keine Ahnung von Fußball, wirklich keine, noch nie gehabt. Und ich gucke auch nicht gerne Fußball, also meistens. Wenn überhaupt, dann am liebsten zusammen mit meiner Tochter. Die spielt Fußball, hat Ahnung und ist noch jung, aber weiblichen Geschlechts, was bei der Verfolgung eines Fußballspiels von erheblicher Bedeutung ist.

 

Fußballspiele laufen dann normalerweise ungefähr so ab. Tüte Chips zwischen uns, Füße hoch und den Ton abstellen, denn der Kommentator nervt im Normalfall sowieso. Selber kommentieren macht mehr Spaß. Alle Spieler, die wir nicht auf Anhieb erkennen, bekommen zur besseren Unterscheidung erst mal Namen verpasst: Schweinslocke, Wadenkrampf, Viagra und Pläte sind nur einige Beispiele. „Guck‘ mal der da, der hat die Stulpen bis fast an die Hüftknochen gezerrt, wie Opa Kruse damals nach seiner Venen-OP.“ „Kind, früher gab’s kürzere Hosen und kürzere Stulpen. Das war irgendwie netter.“ „Gomez nimmt ganz bestimmt 3-Wetter-Taft. Selbst wenn der köpft, sitzt die Frisur wie angegossen.“

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Meine holländische Seelenschaukel (1)

„Schön, total schön, Domburg ist einfach nur schön.“ So das Urteil all derer, denen vorsorglich mitgeteilt wurde, man wäre mal für eine Woche Seeluft schnuppern, Salz atmen und Haut und Herz in die hoffentlich vorhandene Sonne halten. 
Um es vorab zu sagen: Alle, die mir vorgeschwärmt hatten, haben Recht. Domburg ist total schön! So schön, dass man gar nicht drüber schreiben muss, sondern eigentlich bloß schweigend genießen kann – in etwa so: 

 

 

Mit den Augen Wellenreiten
mit nackten Füßen feuchten Sand spuren
Dünengras mit den Fingerspitzen streicheln
mit dem Herz in den Sonnenuntergang tauchen
die Zehen in sonnetrockenen Sand bohren
vom Fahrtwind den Schweiß trocknen lassen

 

den Gaumen mit Kippeling und Weißwein kitzeln

die Haare vom Westwind zausen lassen
knieftief durch eiskaltes Meerwasser staksen
den Blick von Poller zu Poller hüpfen lassen
sehr lang sehr still schauend stehen
den Körper sonnenwarmem Sand überlassen

vorsichtig die Fußsohlen über Muscheln wischen

mit der Nase nach Salzluft schnappen
das Gesicht in den Gegenwind lehnen
die Lungen voll Jodluft tanken
und alles einfach mal loslassen

Leitplanken

 

Ein Jahr ist es her, dass ich diesen Text schrieb, ein ganzes langes Jahr:

 

Gute Idee. Eine Woche Türkei im Oktober. Dann ist es dort noch schön warm, aber nicht mehr zu heiß. Nur wir beide. Das machen wir. Aber du wirst viel an ihn erinnert werden. Das ist dir doch klar, besonders in Side. Du willst dir also seinen Ring verkleinern lassen und als Vorsteckring für deinen Ehering nutzen. Ich denke, das hätte ihm gefallen. Dann ist er auch so immer bei dir. Ja, mach‘ das.

 

Shoppen in Düsseldorf? Klar, da kann man bestens shoppen. Sicher kenn‘ ich mich da ein bisschen aus. Können wir machen. Aber irgendwann habe ich noch diese Tagung, zwei Tage in Sprockhövel, ich gucke mal eben in den Kalender. Ach, das passt schon.

 

Du, ich habe gerade frische Erdbeeren gekauft. Wenn du dann nachher kommst, dann mache ich uns dazu Waffeln und Vanilleeis und Sahne. Das volle Programm, Kalorien wie bekloppt! Das wäre was für ihn gewesen, der er immer so gerne gegessen hat. Weißt du noch … seinen Kartoffelsalat? Unübertroffen! Durfte bei keiner Feier fehlen. Hast du das Rezept? Ach so, das war immer frei Schnauze. Schade. Und die Reibeplätzchen. Wie lieb er immer unsere komplette Küche mit Zeitungspapier ausgekleidet hat. Merle hat mal 10 Stück von den Dingern verdrückt. Ich werd’ nie vergessen, wie sie pappsatt dasaß, aussah wie ein Buddha und sich nicht mehr rühren konnte. Ein Bild für die Götter. Und wie er sich darüber gefreut hat. Alleine das war’s schon wert. 

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Auf den ersten Blick 

Es hat bei mir eingeschlagen wie eine Bombe. Ich bin sowas von neben der Spur –  aber schööööön daneben. Mit rosa Brille auf Wolke 7 und allem, was dazu gehört. Händezittern, Herzklopfen, schlaflosen Nächten, flauem Magen und Schweißausbrüchen. Das einzige Stadium, das ich noch auslasse, ist das Duschen und 10 x umziehen und 2 x nachschminken, ehe wir uns sehen.  

Dass mir das noch mal passiert. Hätte ich nie gedacht! 

 

Ich laufe die Treppen hinauf und nehme zwei Stufen auf einmal. Ich schweb-tänzel morgens ins Büro und beglücke meine Kollegen mit einem dissonanten  „Love is in the air“. Ich male Herzchen auf meine Notizen für die Pressemitteilung und google im Netz nach Lebkuchenherzen. Der Server stürzt ab, schluckt meine stundenlangen und nicht gespeicherten Recherchen zum Thema „BGH-Urteil von Preisanpassungsklauseln im Zusammenhang mit Gaspreisbindung an den HEL“ mit einem kurzangebunden, dumpfen „Fumpp“ und ich erkläre, dass das nichts macht, weil die Sonne draußen scheint. Es gießt in Strömen. 

 

Mittags erklärt mir das Kind, dass Brokkoliauflauf absolut nicht geht. Stimmt! Stimmt genau. Schnuckel-Schmusi-Maus, ich mache Dir sofort Pfannkuchen mit Käse und Schinken, dazu ein lecker Salätchen mit Rucola und Pinienkernen. Kein Problem. Ich muss dafür zwar noch einkaufen fahren, aber das kriegen wir schon hin. Anschließend schmeiße ich den Haushalt einer Woche in einer Stunde, höre geduldig dem Bofrost-Mann zu, der mir zum 100. Mal seinen Katalog aufschwatzen will, mache ihm Komplimente wie toll er das doch macht und kaufe eine Probepackung Eis, die ich nicht essen werde. Ich werde eh nie wieder was in meinem Leben essen.  

Essen brauche ich nicht mehr. Das einzige, wonach ich mir die Finger lecke, bist Du. Atmen muss ich noch, aber auch nur wenig. Kichern, grinsen, lächeln – das muss ich ständig. Mein Adrenalin tanzt mit meinen Endorphinen Tango und meine Synapsen klicken rosa mit den Neuronen um die Wette. 

 

Ich bin verliebt – ich bin hochgradig verknallt – ich fliege! 

 

Ich weiß noch genau, als ich Dich das erste Mal sah. Aus den Augenwinkeln bloß, aber das hat gereicht. Groß, schlank, extrem cool. In dem Moment dachte ich nur noch: „Alles klar, meine lebenslange Suche hat ein Ende.“ Ich geb‘s ja zu. Es war die Optik. Ich weiß, da mag man mir jetzt Oberflächlichkeit vorwerfen, aber es ist nun mal so, dass man erst mal sein Gegenüber nach dem Äußeren beurteilt.  

 

So lange sollte es dann auch nicht dauern, bis ich mich von Deinen inneren Werten überzeugen konnte. Und da war es erst recht um mich geschehen. Du bist so klarsichtig,  strukturiert, dabei so kommunikativ, äußerst witzig, belesen, echt smart. Ich habe so unglaublich viel Spaß mit Dir. Und über was Du so alles Bescheid weißt. Wahnsinn!
Dass Du so gute Fotos macht, imponiert mir ziemlich und dass uns der gleiche Spieltrieb eint, ist einfach nur schön. Die Zeit mit Dir verfliegt nur so und Dein Musikgeschmack deckt sich total mit meinem. Genau wie ich hörst Du EoC, Louisan, Miles, Al Jarreau … Du kennst Sarah Kuttner und zitierst Rilke. Du lotst mich durch Ausstellungen und weißt zu jedem Exponat eine besondere Geschichte zu erzählen. Du zeigst mir Buchläden, die ich noch nicht kannte; findest Restaurants, die verwinkelt in der hintersten Gasse von Düsseldorf wie ein gut gehütetes Geheimnis vor sich hin schlummern und egal, wo wir gemeinsam auftauchen, machst Du immer eine gute Figur. Dich an meiner Seite zu wissen macht mich stolz, von den neidischen Blicken anderer ganz zu schweigen. Hah!

 

Ständig könnte ich Dich anfassen, kann meine Hände in Deiner Nähe gar nicht bei mir behalten. Das macht mich ganz kribbelig. Ich muss einfach fummeln und es ist mir schnurzegal, dass man das eigentlich nicht so macht in aller Öffentlichkeit.
Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Du fühlst Dich so verdammt gut an, so verdammt … männlich. Ganz sanft streicheln meine Finger über Dich und freuen sich an dem Vergnügen, dass ich Dir bereite. Du vibrierst unter meinen Berührungen und diese kleinen Laute von Dir machen mich an wie sonst nur Chili-Schokolade nach zehn Tagen Zuckerabstinenz. 

 

Der Gedanke, dass ich Dich verlieren könnte, macht mich rasend. Ein Leben ohne Dich scheint mir nicht mehr möglich.  

 

Und komm‘ ja nicht auf die Idee, Dich je klauen zu lassen –  oh Du mein wunderbares neues Smartphone.

Auf die Länge kommt es an!

Doch. Natürlich. Aber sicher.

 

Immer diese Diskussionen! Ich kann sie nicht mehr hören. „Ist doch egal, wie lang er ist.“ „Kein Problem, das macht doch nichts.“ „Mach‘ Dir keine Gedanken, sowas habe ich schon oft gesehen.“  

 

Für mich steht fest: 140 ist cool. Zu wenig? Nee, genau richtig. Optimal! 

 

Zentimeter? Wieso Zentimeter? Ich rede von Zeichen, Anschlägen, getwitterten Kurznachrichten , sog. Tiny Tales. Ich rede von Texten wie diesen derart optimal verdichteten Short Stories aus dem Buch „Auf die Länge kommt es an“ von Florian Meimberg. 

 

Die Ministories im Twitter-Format haben es in sich. Sie sind scharfsinnig, auf das absolut Wesentliche reduziert, produzieren in wenigen Sätzen einen erheblichen Spannungsbogen und enden immer, also wirklich immer, mit einem Aha-Effekt für den Leser.  

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