Abgeschmückt!

 

„Wann wird eigentlich der Baum abgeholt?“
„Montag früh.“

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Als erstes die Kugeln. Immer als erstes die Kugeln. Mit einer Drehbewegung werden sie von den Zweigen gehakt und in Seidenpapier gewickelt. 

 

So wie man Ohrringe abzieht und zurück auf Samt ins Schmuckkästchen bettet.

 

Als nächstes kommt die Lichterkette an die Reihe, wird Kerze für Kerze ganz ordentlich in die dafür vorgesehene Verpackung gepackt.

 

So wie die langen Halsketten, die sich sonst heillos verheddern würden.  

 

Dann werden die Sterne vorsichtig von den Zweigen gestreift.

 

So wie man ein Trägertop sanft über die Schulter zieht.  

 

Danach sind die Engel an der Reihe, deren Flügel aus Federn so empfindlich und weich sind.

 

So weich wie der Flaum im Nacken, wenn man die Haare anhebt.  

Als letztes muss der Draht gelöst werden, mit dem der etwas zu kitschige Rauschgoldengel an der Spitze befestigt ist. 

 

So wie man mit Fingerspitzengefühl Ösen enthakt.

 

Durch die trockenen Zweige wird der Blick frei auf den Stamm, der tiefe Rillen aufweist, wo die Katzen ihre Krallen gewetzt haben. 

 

So wie die Zeit Falten ins Gesicht gemalt hat.

 

Tannennadeln rieseln auf den Boden, knistern unter der Berührung.

 

So wie Winterhände beim Öffnen einer Gürtelschnalle.  

 

Da steht er der Baum. Abgeschmückt. Pur.

 

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„Magst Du eigentlich noch, was Du siehst?“
„Mehr denn je.“

 

 

Foto und Text: Andrea Steffen

Geliebter!

 

Du machst mich an. Natürlich bist du wolllüstig. Ich sehe es dir doch an. Ich finde das schön, also kein Problem. Woher ich das weiß? Du müsstest dich sehen!  

 

Du meinst also, du wärest eher so der zarte Typ, der gemächliche Liebhaber, austestend, kostend. Auch das. Ich gebe dir recht. Und stürmisch und leidenschaftlich, manchmal mit einer melancholischen Note. Allerdings auch unberechenbar. Dich einzuschätzen, fällt mir schwer. Natürlich nehme ich dich so wie du bist. Immer wieder. Und immer wieder gerne. Ich liebe deine Wärme und deine Großzügigkeit und ganz besonders deine Poesie.

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Zeitsprünge

Sie hat absolut keine Ahnung, wie sie wirkt. Jedenfalls in dem Moment nicht.

Die Bräune harmoniert gut mit den weißblonden Haaren. Sie scheint zu leuchten. Der Kurzhaarschnitt betont ihren langen Hals und man möchte ihr einfach immerzu die Hand in den Nacken legen. 

 

Ihr ist gar nicht klar mit welcher Nonchalance sie sich bewegt, mit spitzen Fingern kleine Döschen aus dem Regal fischt, die Stirn leicht runzelt, während sie heilversprechende Ingredienzien entschlüsselt, verwirft oder gut heißt. Mit einem Schwung landen die Dinge im Einkaufskorb, die für 16-jährige lebensnotwendig sind: Fußbad, Haarfärbemittel, Körperspray, Schaumfestiger, grüner Nagellack …

 

Ich halte mich ein wenig abseits, tue so als wäre ich ebenso wie sie in das Lesen eines Anti-Aging-Produkts vertieft. Dabei geht es dann meist eh nur noch ums Entziffern ohne Lesebrille. In Wahrheit genieße ich das Schauspiel, das sich da vor mir ausbreitet. Sie mag es nicht, wenn ich „starre“, wie sie es nennt. Ich nenne es Erinnerungen schöpfen. Ein Vater mit seinem vielleicht 12-jährigen Sohn biegt um das Regal herum. Der Junge bleibt abrupt stehen und starrt sie an. Auch er kann nicht wegsehen. Sie wirft ihm einen Blick zu. Ihre Wimpern werfen dabei Schatten. Sie verzieht keine Miene und konzentriert sich wieder auf ihr Tun, sprüht ein wenig mit irgendeinem Zeugs herum, dann auf ihr Dekollète, hebt die Nase schnuppernd in die Luft und leckt ich einmal über die Lippen. Ich glaube der arme Jüngling fällt gleich in Ohnmacht. Ich grinse. 

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Leitplanken

 

Ein Jahr ist es her, dass ich diesen Text schrieb, ein ganzes langes Jahr:

 

Gute Idee. Eine Woche Türkei im Oktober. Dann ist es dort noch schön warm, aber nicht mehr zu heiß. Nur wir beide. Das machen wir. Aber du wirst viel an ihn erinnert werden. Das ist dir doch klar, besonders in Side. Du willst dir also seinen Ring verkleinern lassen und als Vorsteckring für deinen Ehering nutzen. Ich denke, das hätte ihm gefallen. Dann ist er auch so immer bei dir. Ja, mach‘ das.

 

Shoppen in Düsseldorf? Klar, da kann man bestens shoppen. Sicher kenn‘ ich mich da ein bisschen aus. Können wir machen. Aber irgendwann habe ich noch diese Tagung, zwei Tage in Sprockhövel, ich gucke mal eben in den Kalender. Ach, das passt schon.

 

Du, ich habe gerade frische Erdbeeren gekauft. Wenn du dann nachher kommst, dann mache ich uns dazu Waffeln und Vanilleeis und Sahne. Das volle Programm, Kalorien wie bekloppt! Das wäre was für ihn gewesen, der er immer so gerne gegessen hat. Weißt du noch … seinen Kartoffelsalat? Unübertroffen! Durfte bei keiner Feier fehlen. Hast du das Rezept? Ach so, das war immer frei Schnauze. Schade. Und die Reibeplätzchen. Wie lieb er immer unsere komplette Küche mit Zeitungspapier ausgekleidet hat. Merle hat mal 10 Stück von den Dingern verdrückt. Ich werd’ nie vergessen, wie sie pappsatt dasaß, aussah wie ein Buddha und sich nicht mehr rühren konnte. Ein Bild für die Götter. Und wie er sich darüber gefreut hat. Alleine das war’s schon wert. 

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Auf den ersten Blick 

Es hat bei mir eingeschlagen wie eine Bombe. Ich bin sowas von neben der Spur –  aber schööööön daneben. Mit rosa Brille auf Wolke 7 und allem, was dazu gehört. Händezittern, Herzklopfen, schlaflosen Nächten, flauem Magen und Schweißausbrüchen. Das einzige Stadium, das ich noch auslasse, ist das Duschen und 10 x umziehen und 2 x nachschminken, ehe wir uns sehen.  

Dass mir das noch mal passiert. Hätte ich nie gedacht! 

 

Ich laufe die Treppen hinauf und nehme zwei Stufen auf einmal. Ich schweb-tänzel morgens ins Büro und beglücke meine Kollegen mit einem dissonanten  „Love is in the air“. Ich male Herzchen auf meine Notizen für die Pressemitteilung und google im Netz nach Lebkuchenherzen. Der Server stürzt ab, schluckt meine stundenlangen und nicht gespeicherten Recherchen zum Thema „BGH-Urteil von Preisanpassungsklauseln im Zusammenhang mit Gaspreisbindung an den HEL“ mit einem kurzangebunden, dumpfen „Fumpp“ und ich erkläre, dass das nichts macht, weil die Sonne draußen scheint. Es gießt in Strömen. 

 

Mittags erklärt mir das Kind, dass Brokkoliauflauf absolut nicht geht. Stimmt! Stimmt genau. Schnuckel-Schmusi-Maus, ich mache Dir sofort Pfannkuchen mit Käse und Schinken, dazu ein lecker Salätchen mit Rucola und Pinienkernen. Kein Problem. Ich muss dafür zwar noch einkaufen fahren, aber das kriegen wir schon hin. Anschließend schmeiße ich den Haushalt einer Woche in einer Stunde, höre geduldig dem Bofrost-Mann zu, der mir zum 100. Mal seinen Katalog aufschwatzen will, mache ihm Komplimente wie toll er das doch macht und kaufe eine Probepackung Eis, die ich nicht essen werde. Ich werde eh nie wieder was in meinem Leben essen.  

Essen brauche ich nicht mehr. Das einzige, wonach ich mir die Finger lecke, bist Du. Atmen muss ich noch, aber auch nur wenig. Kichern, grinsen, lächeln – das muss ich ständig. Mein Adrenalin tanzt mit meinen Endorphinen Tango und meine Synapsen klicken rosa mit den Neuronen um die Wette. 

 

Ich bin verliebt – ich bin hochgradig verknallt – ich fliege! 

 

Ich weiß noch genau, als ich Dich das erste Mal sah. Aus den Augenwinkeln bloß, aber das hat gereicht. Groß, schlank, extrem cool. In dem Moment dachte ich nur noch: „Alles klar, meine lebenslange Suche hat ein Ende.“ Ich geb‘s ja zu. Es war die Optik. Ich weiß, da mag man mir jetzt Oberflächlichkeit vorwerfen, aber es ist nun mal so, dass man erst mal sein Gegenüber nach dem Äußeren beurteilt.  

 

So lange sollte es dann auch nicht dauern, bis ich mich von Deinen inneren Werten überzeugen konnte. Und da war es erst recht um mich geschehen. Du bist so klarsichtig,  strukturiert, dabei so kommunikativ, äußerst witzig, belesen, echt smart. Ich habe so unglaublich viel Spaß mit Dir. Und über was Du so alles Bescheid weißt. Wahnsinn!
Dass Du so gute Fotos macht, imponiert mir ziemlich und dass uns der gleiche Spieltrieb eint, ist einfach nur schön. Die Zeit mit Dir verfliegt nur so und Dein Musikgeschmack deckt sich total mit meinem. Genau wie ich hörst Du EoC, Louisan, Miles, Al Jarreau … Du kennst Sarah Kuttner und zitierst Rilke. Du lotst mich durch Ausstellungen und weißt zu jedem Exponat eine besondere Geschichte zu erzählen. Du zeigst mir Buchläden, die ich noch nicht kannte; findest Restaurants, die verwinkelt in der hintersten Gasse von Düsseldorf wie ein gut gehütetes Geheimnis vor sich hin schlummern und egal, wo wir gemeinsam auftauchen, machst Du immer eine gute Figur. Dich an meiner Seite zu wissen macht mich stolz, von den neidischen Blicken anderer ganz zu schweigen. Hah!

 

Ständig könnte ich Dich anfassen, kann meine Hände in Deiner Nähe gar nicht bei mir behalten. Das macht mich ganz kribbelig. Ich muss einfach fummeln und es ist mir schnurzegal, dass man das eigentlich nicht so macht in aller Öffentlichkeit.
Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Du fühlst Dich so verdammt gut an, so verdammt … männlich. Ganz sanft streicheln meine Finger über Dich und freuen sich an dem Vergnügen, dass ich Dir bereite. Du vibrierst unter meinen Berührungen und diese kleinen Laute von Dir machen mich an wie sonst nur Chili-Schokolade nach zehn Tagen Zuckerabstinenz. 

 

Der Gedanke, dass ich Dich verlieren könnte, macht mich rasend. Ein Leben ohne Dich scheint mir nicht mehr möglich.  

 

Und komm‘ ja nicht auf die Idee, Dich je klauen zu lassen –  oh Du mein wunderbares neues Smartphone.