Getrennt!

Ich habe mich getrennt.

Von meiner Friseurin!

Nicht etwa, weil dieses Mal der Haarschnitt ein wenig an Verve verloren hat. Nein, das kann ich verschmerzen. Haare wachsen wieder.

Ich habe mich getrennt, weil sie eine Corona-Impfung für sich ablehnt. Und ich habe lange überlegt.

Beim vorletzten Termin hatten wir schon eine recht intensive Diskussion zum Thema Impfung. Ich dachte danach noch, dass ich das aushalten muss, wenn jemand anderer Meinung ist, sein Wahlrecht wahrnimmt. Immerhin ein Zeichen unserer starken Demokratie.

Beim letzten Termin allerdings war ich regelrecht geschockt, als sie mir sagte, sie sei immer noch nicht geimpft und würde es auch weiterhin ablehnen. Körpernahe Dienstleistung!

Ich sitze da also mit Alusträhnen auf dem Kopf, starre in den Spiegel und denke nur: „Wer von uns hat den Aluhut auf?“ Wäre es nicht mitten in der Behandlung gewesen, hätte ich eben diesen Aluhut gezogen und hätte den Laden direkt verlassen. So hatte ich allerdings noch etwas Zeit, alubehütet, nachzudenken. Ich sage euch: Alu auf’m Kopf macht es nicht leichter.

Ausschlaggebend war letztendlich die Aussage „Ich habe entschieden, dass ich das für mich nicht brauche.“ Aha. ICH und MICH! Was ist mit den anderen? Denen, die sich nicht schützen können?

Wer sich impfen lassen kann und es nicht tut, ist für mich in hohem Maße mitverantwortlich für die Misere, in der wir stecken.

Die immerwährenden Restriktionen, die enorme Belastung bestimmter Berufsgruppen, die Belastung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch Nichtteilhabe am Leben, die Belastung durch fehlende Kommunikation im Homeoffice, durch fehlende soziale Kontakte, die Belastung durch die einfache Tatsache, dass einem durch die Pandemie so viel an Lebensfreunde und Lebenslust unmöglich gemacht wird, das ewige Durchhalten, die ständig wechselnde Informationslage, der Kampf um Impftermine und….und…und…. Das alles hat mürbe gemacht und dünnhäutig – trotz eines relativ entspannten Sommers 2021.

Die Folgen dieser Pandemie, egal ob physisch oder psychisch, können wir doch noch gar nicht abschätzen. Abgesehen davon sterben immer noch Menschen an Covid-19.

Natürlich gibt es auch viele andere Gründe, nicht zuletzt der fehlende Mut unserer Politiker. Trotzdem sind alle nicht Impfwilligen für mich ein ausschlaggebender Faktor im Verlauf der Pandemie.

Die Aussage meiner Ex-Friseurin empfinde ich als empörend egozentrisch, rücksichtslos, verantwortungslos und unsolidarisch. Wenn ich ihre Meinung und Entscheidung wohl oder übel hinnehmen muss, möchte ich zumindest solche Menschen nicht weiter unterstützen.

Und wenn mir jetzt jemand einen kompetenten Friseur empfehlen möchte: herzlich gerne. Wäre nur schön, wenn er auch geimpft ist.

Text ©Andrea Steffen
Bild ©Thomas Siepmann/Fotolia


2 Antworten auf „Getrennt!“

  1. Dieses Ego-Ding, das hinter vielen Argumentationen steckt, ist ein Grundübel. Eines von vielen.

    Der Absatz: „Die Folgen dieser Pandemie, egal ob physisch oder psychisch, können wir doch noch gar nicht abschätzen. Abgesehen davon sterben immer noch Menschen an Covid-19.“ beschreibt sehr gut, wie abgestumpft wir mittlerweile gegen die Zahl der Toten pro Tag sind. Das ist jeden Tag ein abgestürztes Flugzeug.

    Und beim Begriff „Freedomday“ wird mir schwindelig.

    1. Du hast Recht. Man stumpft ab durch die tägliche Informationsflut. Die Zahlen nehmen wir gar nicht mehr wahr. Vor einem Jahr haben wir noch bei einer Inzidenz von 23 meterweit entfernt auf Parkbänken nebeneinander im Park gesessen. Jetzt gehen wir ohne Beschränkungen wieder shoppen.

      Was mich auch wahnsinnig aufregt: Ein im Grunde genommen kleines Trüppchen Schwurblern macht so einen großen Lärm. Wenn ich jetzt sehe, dass wieder 3G gilt, dann haben doch die Impfgegner gewonnen, oder? So fühlt es sich zumindest jetzt an.

      Im Übrigen kriege ich die Pimpernellen, wenn irgendjemand Covid noch mit einer Influenza vergleicht. DAS IST NICHT VERGLEICHBAR!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.