Den Wald mit anderen Augen sehen

Mein Mann ist schuld!

Der ist sogar doppelt schuld. Und das ist gut so.

Er war es nämlich, der mich auf Peter Wohlleben aufmerksam gemacht hat. „Das geheime Leben der Bäume“, heißt der erste Bestseller von Wohlleben und ist damit übrigens das 16. Buch, das er geschrieben hat.

Was wollte ich sagen? Mein Mann sprach von Kommunikation zwischen Bäumen, dass sie Gefühle haben, Schmerzen empfinden können und wir sehr viel von ihnen lernen können. Könnt ihr euch vorstellen, wie ich in dem Moment guckte?

Dann sah ich den Film und war überzeugt. Der Mann hat Recht. Meiner und Peter Wohlleben auch. Seitdem beschäftigt mich das Thema immer mehr. Weihnachten schenkte uns unsere Tochter ein Stück Buchen-Urwald in Wershofen. Ein guter Anlass, um sich den Wald, das ganze Projekt, den Mann dahinter und sein Team persönlich anzuschauen.

Also schenkte ich meinem Mann zum Geburtstag einen Erlebnistag in der Waldakademie und lud mich selbst direkt mit ein.

Prägendes Erlebnis
Um es kurz zu machen: Es war großartig, Peter Wohlleben in Aktion zu erleben. Morgens volle Pulle theoretischen Input. Ich wünschte, ich könnte auch nur einen Teil dessen wiedergeben, was Wohlleben auf höchst unterhaltsame, anschauliche und überzeugende Art erläuterte. Aber dafür gibt es ja die Bücher zum Nachlesen.

Peter Wohlleben in Aktion

Die Parallelen, die er zwischen dem Ökosystem Wald und uns Menschen immer wieder zieht, sind frappant. Ich hatte ein Aha-Erlebnis nach dem anderen. Nehmen wir nur mal das Beispiel Erneuerbare Energien, was ja nun mal berufsbedingt eines meiner Themen ist. Steht ein Windrad in der Nähe eines Waldes ist das alles andere als klimafreundlich.
Jeder, der im Sommer im Wald spazieren geht und danach wieder ins Freie tritt, kennt den hohen Temperaturunterschied. Der Wald ist nicht nur wegen des Schattens so kühl, den die Baumkronen spenden, sondern vor allem auch wegen der Verdunstung.

Steht jetzt also ein Windrad – und oft mehrere – im oder am Wald, entzieht es dem Wald Feuchtigkeit. Der Wald wird trockener. Die Bäume erleiden Stress, werden anfälliger für Parasiten und Stürme, erzeugen weniger Verdunstung und sterben bei längerer Trockenheit ab.

Ergo: Windenergie ja, aber am richtigen Standort. In Titz z.B. am Rande des Braunkohleabbaugebiets.

Im Normalfall sorgt der Wald durch seine Verdunstung für Regen, kann sogar ganze Tiefdruckgebiete erzeugen. Mit anderen Worten: Weniger Wald ist gleichbedeutend mit mehr Hitze. Sehr kontraproduktiv, wenn wir unsere Erderwärmung aufhalten wollen.

Jeder Baum zählt
Wenn aber Bäume eh tot sind, kann man sie doch abholzen, oder?

NEIN!
Es wäre viel sinnvoller, z.B. die aktuell im Sauerland oder Harz weiträumig durch den Borkenkäfer (um genau zu sein durch Buchdrucker) geschädigten und abgestorbenen Fichten stehen zu lassen. So werfen sie zumindest immer noch ein wenig Schatten und am Boden entsteht wieder Leben. Oft siedeln sich andere Baumarten an, denn die Fichte ist hier ja gar nicht heimisch. Sie kommt aus dem Norden, braucht eher Kälte. Steht man bei heftigem Regen unter einer Fichte, ist das gut für den Menschen. Er bleibt trocken. Für die Fichte ist das in unseren Breitengraden alles andere als gut. Der Regen fließt aufgrund ihres dichten Nadeldachs nicht am Stamm entlang unmittelbar zu ihren Wurzeln, sondern daneben. In trocknen Zeiten, wo jeder Tropfen zählt, nicht ideal. Aus diesem Grund trotzen hier heimische Baumarten wie Buche, Eiche oder Espe viel eher der Trockenheit.

Jetzt aber endlich mal in den Buchen-Urwald

Alles ist vernetzt
Unglaublich beeindruckend fand ich im Praxisteil mit Patrick Esser nachmittags, wie weit die Wurzel einer einzelnen ca. 30 m hohen Buche reichen kann. Gemeinhin denkt man, die Wurzel erreiche ungefähr die Größe der Baumkrone. Tatsächlich ist es viel weiter, gut das Doppelte. Dabei vernetzen sich die Wurzeln mit denen anderer Bäume und kommunizieren. So steuert ein Baum beispielsweise welche anderen Bäume er mit Zucker mitversorgt. Eigene Kinder werden bevorzugt.

Warum aber überlebt dann eine Eiche zwischen all den Buchen um sie herum? Eichen und Buchen können sich nämlich nicht besonders gut leiden. Weil es da noch die regulierenden Pilze gibt. Die schustern der Eiche dann mal ein bisschen Zucker zu und sorgen dafür, dass das ganze Ökosystem überlebt, nicht nur einzelne Arten.

Eine prächtige Eiche im Buchwald

Selbst mit jemandem, den man nicht wirklich leiden kann, kann man also im Team gut zusammenarbeiten. Er hat genauso seine Berechtigung im Ökosystem, wie die, die sich zur Mehrheit zählen.

Win-Win für Gallmücke und Buche
Ein anderes Beispiel ist z.B. die Gallmücke, ein Parasit, der die Blätter der Buche befällt. Im Frühjahr nach dem Schlüpfen setzen die Gallmücken Eier auf frischen Buchenknospen ab. Das Pflanzengewebe reagiert auf die Verletzung durch saugende Larven, indem es um die Larve eine schützende Hülle (Galle) bildet. Im Herbst lösen sich diese dann von den Blättern und die Larven in den Gallen überwintern am Waldboden.

Jede Menge Gallmücken auf einem Buchenblatt

Auf diese Art und Weise überleben beide. Das Buchenblatt, das durch die Schutzhülle die Fraßschäden minimiert und somit weiter Photosynthese betreiben kann und die Gallmücke, die sicher in ihrem Häuschen sitzt bis zum nächsten Frühjahr, um dann zu schlüpfen.

Übertragen auf den Menschen: Kompromisse tun manchmal ganz schön weh, aber schlussendlich bringen sie doch alle weiter.

Waldbaden
Den nächsten Tag haben wir noch für eine Wanderung im Eifeler Nationalpark genutzt. Neun Kilometer, reine Gehzeit zwei Stunden und sechs Minuten. Allerdings waren wir über vier Stunden im Wald unterwegs. Ich sehe ihn mit anderen Augen. Ich denke „Oh eine ganze Buchenfamilie. Hier die Mutter, da die Kinder und achnein, dieses eine Kind hat es nicht geschafft. Vielleicht musste es zugunsten der anderen geopfert werden.“ Ich sehe Pilze mit anderen Augen und stelle mir das unendliche Geflecht vor, dass den ganzen Boden durchzieht. Ich entdecke überall die Gallmücken, sehe Totholz, Flechten, Moose; weiß, dass ich tausende von Pilzsporen mit jedem Atemzug einatme und sie mir nichts anhaben. Aus kleinen Löchern in der Baumrinde entstehen vielleicht in Kürze ganze Nisthöhlen, erst für den Specht, den ich immer wieder mal hämmern höre, später für Fledermäuse, dann für Siebenschläfer, Uhus und sogar Marder. Einer fängt mit der Arbeit an, andere führen sie fort, eine Menge profitiert. Wieder so ein Beispiel, wie auch Menschen voneinander lernen, sich weiterentwickeln und Wege für zukünftige Generationen ebnen können.

Hinlegen, atmen, riechen, lauschen, sehen

Richtig cool fand ich die sogenannten Sinnesliegen. Hinlegen, Augen zu und lauschen. Unglaublich, was im Wald zu hören ist, was beim Wandern eher untergeht. Aufkommender Wind hat gefühlt Düsenjet-Lautstärke, ein einzeln auf den Boden fallende Eichel ist lauter als der Kronkorkenplopp eines Grölsch, der Schrei eines Buntspechts hat mich zusammenzucken lassen und das Rascheln der Blätter im Wind glich einem beständigen Knistern.

Nach diesem Wochenende habe ich mich so zufrieden und erholt gefühlt, wie lange nicht mehr.

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Die gegangene Route könnt ihr euch unter Komoot anschauen und runterladen. Wir waren samstagsvormittags unterwegs, was erklärt, warum die Strecke so wenig frequentiert war. Nachmittags war der Parkplatz voll.

Es ist ein teilweise barrierefreier Wanderweg im Kermeter – das ökologische Herzstück des Nationalparks Eifel – und für Menschen mit und ohne Behinderung erlebbar. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Weg mit dem Rollstuhl befahren werden kann, sondern auch barrierefrei ist, was auch Sprache anbelangt. Es gibt mehrsprachige Stationen, auch in Blindenschrift und in vereinfachter Sprache mit Infos zu Flora und Fauna u.a. ein Bronzerelief mit der Topgraphie des Nationalparks zum Anfassen.

Auf Stegen geht es den „Wilden Weg“ entlang

Insbesondere der ca. 1,5 km lange Abstecher „Der wilde Weg“ eignet sich hervorragend für einen Ausflug mit Kindern. Dort informieren 10 meist interaktive Stationen über Wildnis, Waldentwicklung und die biologische Vielfalt im Nationalpark. Waldtiere in Originalgröße als Schattenschnitt, Pilze aus Holz in Originalgröße, Kletterstiegen und Seile, um eine Baumhöhe zu erfassen, eine Rangerstation mit Tierstimmen während der verschiedenen Jahreszeiten und verschiedene Bäume mit und ohne Rinde, Blattwerk zum Anfassen machen so den Erlebnisraum begreifbar.

Ich war nicht das letzte Mal da. Weder in der Waldakademie noch in der Eifel zum Wandern.

@Fotos und Text: Andrea Steffen

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