Corona-Tagebuch – 5. Eintrag

Auf Twitter las ich heute folgenden Post: „Und vielleicht kommt es am Ende nur darauf an, mit welchen Menschen man sich umgibt.“

Der Satz geht mir seitdem im Kopf rum. Das Thema beschäftigt mich schon lange. Die Corona-Krise holt aber den Umgang miteinander für mich in den Vordergrund. Ich spüre, dass ich zusehends an meine Toleranzgrenze stoße im Kontakt mit anderen. Und damit meine ich nicht die vielen nicht wirklich humorvollen, manchmal sehr flach unter der Gürtellinie angelegten Memes und Videos, die mir WhatsApp in den Alltag spült. Ich meine das, was ich zu hören bekomme in den letzten Tagen.

Den einen beschäftigt, dass die Friseure geschlossen haben, Drei-Wetter-Taft eine Lüge ist und man bereits jetzt einen Haaransatz sieht. Bei mir übrigens auch. Ja, das beschäftigt mich, ein bisschen. Aber ich verbalisiere es nicht – außer jetzt gerade natürlich ;-).

Wieder jemand beschwert sich bitterlich, dass die Stadtwerke neuerdings den Austausch von Zählern eingestellt haben, obwohl man doch problemlos hinten auf der Terrasse den bestellten Wasserzähler montieren könnte. Ein anderer stöhnt, er wisse schon nicht mehr was er kochen solle. Dann höre ich, so langsam hätte man ja alle Schubladen sauber und die Decke falle einem auf den Kopf.

Warum aber jammert eigentlich meine Freundin nicht, die alleinerziehend ist, Kurzarbeit macht und die mehrere Hundert Euro weniger im Monat nicht wirklich kompensieren kann? Von meiner Mutter höre ich den wunderbar entspannten Satz: „Egal, was die mir an Lebensmitteln bringen. Wird schon passen.“ Unsere Tochter hat in Barcelona seit vier Tagen keinen Fuß vor die Tür gesetzt und meinte: „Man gewöhnt sich dran.“ Auf meine Frage hin, wie es mit dem Homeoffice klappt, schrieb mir eine Kollegin: „Meine kleine Assistentin sitzt neben mir und macht Kratzbilder.“ Ebenfalls ein Kollege hat sein Fitnessprogramm nach Hause verlegt und trainiert alle zwei Tage mit Hanteln eineinhalb Stunden alleine vor sich hin.

Im Grunde ist mir klar, dass jeder anders tickt, jeder andere und höchst eigene Bedürfnisse hat, jeder die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und man besonders auch von dieser Vielfalt profitieren kann. Bin ich intolerant?

Warum fällt es mir so schwer, wenn jemand jammert? Weil ich so erzogen bin, dass man gefälligst zu funktionieren hat. Ja, deshalb auch. Leider sogar. Aber wohl auch, weil ich häufig die Gewichtung nicht nachvollziehen kann. Weil ich glaube, dass uns gerade die Menschen stützen und durch die Krise bringen, die eine gelassene Haltung an den Tag legen. Menschen, die pragmatisch denken und auf Lösungen anstatt auf Probleme gucken. Menschen, die sich mit dem Unausweichlichen abfinden und das Beste draus machen.

Kommen wir zurück auf mein Eingangszitat. Klar kommt es darauf an, mit welchen Menschen man sich umgibt. Oft ist man allerdings umgeben.

Ich habe Einfluss darauf, wen ich zum Freundeskreis zähle, mit wem ich mich austausche, treffe, gemeinsame Zeit verbringe. Ich habe überwiegend Einfluss auf die Wahl meiner Ärzte, meiner Physiotherapeuten, der KFZ-Werkstatt meines Vertrauens, meiner Kosmetikerin, den Friseur, den Handwerker, den Buchladen, das Schuhgeschäft, die Schneiderin usw. usf.

Ich habe aber keine Wahl im Job, im Umgang mit Behörden, im öffentlichen Nahverkehr und überhaupt bei allen unvorhergesehenen Begegnungen im öffentlichen Raum. Da muss ich mit den Menschen klarkommen. Irgendwie. Am besten friedlich. Das heißt, ich muss Kompromisse eingehen. Das fällt mal mehr, mal weniger schwer.

In Zeiten von Corona fällt es mir persönlich schwerer, weil sich für mich vom Gefühl her die Spreu vom Weizen trennt. Menschen, die ich als dominant empfunden haben, scheinen noch mehr ihren Willen durchdrücken zu müssen. Menschen, die als ängstlich kennengelernt habe, sind noch vorsichtiger geworden. Menschen, die sich bei Problemen zurückziehen, sitzen gerade im Schneckenhaus. Menschen, die für mein Empfinden mit Scheuklappen durch die Gegend laufen, empfinde ich jetzt regelrecht als blind.

Aber umgekehrt genauso. Großzügigkeit zeigt sich für mich jetzt noch deutlicher. Jemand, der immer schon Kuchen für Feste gebacken hat, backt jetzt zwei und spendet sie der Tafel. Das Trinkgeld in der Imbissbude wird ordentlich nach oben abgerundet. Wer alle zwei Monate angerufen hat, meldet sich jetzt alle zwei Wochen und fragt, wie es so geht.

Ich freue mich über so viele solidarische Zeichen im Freundeskreis. Jeder fragt nach meiner Mutter und unserer Tochter. Empathische Menschen fragen immer erst, wie es mir geht, ehe sie von sich erzählen. Ich lache so oft und herzhaft in letzter Zeit, weil die Guten unter den Meinen, ihren Humor eher verstärkt als verloren haben.

Anselm Grün, Benediktinerpater und Autor hat im Interview mit Ekkehard Rüger kürzlich gesagt: „Ich kann mich als Opfer fühlen, jammern und dabei depressiv werden. Oder ich reagiere aktiv darauf und mache das Beste draus.“

Die Aussage finde ich fatal. Erstens ist Depression eine Erkrankung und wenn die aktuelle Krise das i-Tüpfelchen ist, um eine Depression zu entwickeln, ist das mehr als verständlich.

Und zweitens kann einfach nicht jeder immer das Beste draus machen. Das ist nicht jedem gegeben.

Und warum können manche das nicht? Weil es so schwer ist, von Altem zu lassen. Weil Neues oft unsicher macht. Weil die Menschen im Moment vor allem eines wollen: Normalität.

Und so versuche ich meinem Toleranzproblem gerade genau damit zu begegnen, indem ich es einfach akzeptiere, dass Menschen im Moment Angst haben, dass sie ihre Rituale brauchen, dass sie vermeintlich Verlorenem hinterhertrauern und das zum Ausdruck bringen.

Ich kann nicht ändern, wie mein Umfeld mit der Pandemie umgeht und darauf reagiert. Ich kann nur selbst versuchen mit den Reaktionen gelassen umzugehen. Und ob sich dabei für mich die Spreu vom Weizen trennt, wird sich noch zeigen.

©Andrea Steffen

Bild von kangbch auf Pixabay

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