Lost in Wuppertal 

 

Ehrlich Leute, ich weiß es doch auch nicht. Ich werde jetzt Statistiken führen. Es muss ein Gen sein. Ne Mutation vielleicht. Oder ich atme das wohl ein. Ein Virus. Das könnte sein. Wie auch immer… es geschah jedenfalls in Wuppertal. 

Ich treffe mich regelmäßig mit ein, zwei Freundinnen aus dem Sauerland auf halber Strecke. Als Vorwand dient uns ein kulturelles Event. Abgerundet wird dieses durch exzessives Klönen. Das wiederum wird begleitet von kulinarischen Genüssen samt etlichen Heiß- und Kaltgetränken. Soweit so gut. Dieses Mal sollte es die Ausstellung von Degas&Rodin  im “Von der Heydt-Museum” in Wuppertal sein. Ich hatte bereits ein naheliegendes Parkhaus ausgeguckt, Preise ermittelt, Öffnungszeiten, Gehzeit bis zum Museum und alles in den Navi gehackt. Kontrolle ist gut. Dachte ich.

Wir kürzen das hier ab: Museum war schön, Essen war auch gut, Klönen nicht zu toppen. „Sollen wir Dich noch zum Parkhaus begleiten?“ „Nö, nö, lasst mal, die paar Schritte an der Luft ohne Raucherinnen tun mir ganz gut.“ Ausgeteilt wird immer von allen nach allen Seiten. Ich sollte noch sehen, was ich davon hatte. 

Mit dem mir in die Wiege gelegten außerordentlichen Orientierungssinn erreichte ich sogar dasParkhaus und fand es … VERSCHLOSSEN. Zu, dicht, abgesperrt, verriegelt und verrammelt!!!
Shit!
In dem Moment wurde mir bewusst, dass der Akku meines Handy sich kurz zuvor mit dem ihm üblichen Seufzer verabschiedet hatte. Mein Gesicht beschreib ich jetzt nicht. Das wäre unvorteilhaft.
Shit, shit, shit!
Glücklicherweise teilte eine Dame mit mir das gleiche Schicksal. „Das gibt’s doch nicht. Das Parkhaus hatte immer bis 24 Uhr auf. Jetzt hat der Anbieter gewechselt. Unglaublich. Zehn Minuten zu spät. Mist!“ „Äh ja, dachte ich auch, laut Website müsste es noch geöffnet sein“, pflichtete ich bei. Dass sie mich verstand trotz Schnappatmung ist übrigens ein kleines Wunder. Wie auch immer, half ja alles nichts. Eine Lösung musste her.
Pragmatischerweise hatte meine Leidensgenossin bereits ihren Mann mobil herbeigerufen und war so freundlich mir ihr Handy zu leihen, damit ich zuhause Bescheid geben konnte.
Hotel oder abholen? Abholen wurde entschieden. Mir war alles recht. 
In der Zwischenzeit war der Gatte der freundlichen Handyverleiherin aufgetaucht und hatte mein Smartie bereits im Auto an die Ladestation gepackt. „Hier können Sie nicht bleiben, keine gute Gegend, wir nehmen Sie mit.“ Ich hatte die Wahl, eine Stunde in unsicherer Gegend ohne funktionierendes Handy in der Kälte stehen und warten oder aber mit äußerst hilfsbereiten und sympathischen Menschen ab ins Warme. Die Entscheidung fiel nicht schwer. Kurz noch dem Gatten die neue Adresse mitgeteilt und noch zu hören bekommen, es könnte aber länger dauern. Der Erdgastank wäre schließlich leer und wer weiß, welche Tankstelle jetzt noch offen hätte. 
OH MANN! Auch das noch! 
Während der Gatte sich durch die dunkle und kalte Nacht kämpfte, saß ich derweil irgendwo oben auf einem Wuppertal Berg in einem kuscheligen Häuschen mit fulminanter Weihnachtsbeleuchtung und ließ mir einen Tee namens „Innere Ruhe” servieren.  

 

Man kam ins Gespräch, tauschte sich aus über die Ausstellung und Wuppertal und Coaching und Job und Kinder und Alltag und Leben und überhaupt. Bis der Satz fiel „Ach so, ja der S. das ist mein Fahrer.“ Mein Fahrer? Bei welchem hohen Tier war ich denn da gelandet? Auch hier kann ich gerne abkürzen: beim obersten Boss der IG Metall NRW höchstpersönlich. Ich klappte den Mund auf und wieder zu. Dank “Innerer Ruhe” kam es nicht zu erneuter Schnappatmung. Trotzdem …

 

Krass! Und ungemein sympathisch und normal und humorvoll und gut gelaunt und hilfsbereit ja sowieso. Was soll ich sagen? Es war ein sehr netter Abend!

 

Nachdem der Göttergatte mich gefunden und eingeladen hatte, zuckelten wir mit Tempo 80 auf der Autobahn heim, denn eine offene Erdgastankstelle ward erst am Düsseldorfer Flughafen gefunden. Geschlafen haben wir danach wie die Murmeltiere, nur ein bisschen wenig.

 

Am nächsten Tag ging es erst einmal per pedes durch einen atemberaubend schönen Sonnenaufgang ins Büro und dann an die Rettung meines roten Kugelblitzes aus dem Parkhaus. Eine Arbeitskollegin und Freundin brachte mich nach Büroschluss zum Meerbuscher Bahnhof und bequem wie ich nun mal bin, wählte ich den stressfreieren Regio via Köln nach Wuppertal. War zwar länger, aber so war wenigstens noch ein kleines Nickerchen drin.

 

Die Parkgebühren beliefen sich übrigens auf 4 Euro. Verstehen muss ich das nicht, war aber trotzdem dankbar. Schnell habe ich noch zwei Gläser original Willicher Honig bei meinen beiden Rettungsankern als Dankeschön für die Beherbergung in bitterer Not abgeliefert und dann nichts wie ab nach Hause. Dachte ich
Die Heimreise gestaltete sich aufgrund von tausend Staus rund um Wuppertal interessant. Es ging hügelauf, hügelab über Wuppertal Uellendahl-Katernberg, Wülfrath-Aprath, vorbei an Bushaltestellen mit Namen wie “Oberschopfkogel” und “Obenötzbach” bis Mettmann-Irgendwas und in Ratingen-Homberg endlich auf die A44 einem hinreißenden Sonnenuntergang entgegen.
Oh yeah! Going wild west – immer der Sonne entgegen! Abspann mit Sattelknirschen, Hufgeklapper und rostrotem Staubaufwirbeln!
Leute, was soll ich sagen? Es gibt so’ne und so’ne Abenteuer. Meines gestern und heute war ja wohl grandios!

 

©Foto: Eintrittskarte Degas&Rodin
©Text: Andrea Steffen