Corona-Tagebuch – 1. Eintrag

Ich hadere direkt mit dem Titel. Darf ich das so nennen, wo ich doch kein Corona oder besser gesagt COVID-19 habe? Noch nicht habe, muss man ja sagen. Den Experten zufolge werden ca. 60-70 Prozent der Bevölkerung daran erkranken und damit eine so hohe Immunität erzeugen, dass dem Virus sozusagen die Grundlage zum Überleben entzogen wird.

Und schon wieder. Darf ich sowas schreiben im Moment? Überleben! Wo es für so viele genau darum jetzt geht. Um das nackte Überleben auf der Intensivstation. Um das Überleben von großen und kleinen Unternehmen, von der Lufthansa und TUI bis zum soeben eröffneten Friseursalon und der Kneipe um die Ecke. Vom Überleben in den eigenen vier Wänden, wenn so gar keiner da ist, der sich kümmert. Um das mentale Überleben für mehr Menschen als wir vermutlich ahnen im Moment.

Aber zurück zum Titel. Ehrlich gesagt, fällt mir kein besserer Titel ein im Moment. Wie mir so manches nicht einfällt im Moment. Meine Gedanken spielen Pingpong und ich höre praktisch, wie sie gegen die Hirnrinde klackern.

Es ist das erste Wochenende, an dem ich mir Zeit nehme für einen Blogeintrag. Und schon ist der nächste Gedanke da: Hab‘ ich eigentlich die Berechtigung dazu, wo es so viel wichtigere Nachrichten gerade gibt im Moment? So viele Nachrichten, vor allem schlechte Nachrichten. Wen interessiert da mein Geschreibsel?

Ich entscheide, dass ich es für mich tue. Auf irgendeine Art und Weise muss ich loswerden, was mich und viele, viele andere beschäftigt. Das sind profane Dinge – nein, ich sage ES jetzt nicht. Es sind echte Sorgen um die Liebsten. Es sind Ängste, wie es weitergeht. Es ist eine tiefe Dankbarkeit für meine privilegierte Lage in dieser Situation. Es ist Trauer um etwas, was ich nicht greifen kann und schon heute weiß, dass wir es für immer verloren haben. Es ist das Wissen darum, dass wir als Menschen und Gesellschaft gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Es ist Weitermachen, Durchhalten, Mutmachen.

Und jetzt geh ich den ersten Kaffee des Tages trinken und Narzissen gucken. Gestern war nämlich Frühlingsanfang.

Bild von PIRO4D auf Pixaba

6 Antworten auf „Corona-Tagebuch – 1. Eintrag“

  1. Um im Bild zu bleiben. Die Pingpongspieler im Kopf haben sich gerade erst warm gespielt. Die Frequenz, mit der die Celluloid-Bälle gegen die Hirninnenwand klackern, steigert sich enorm. Täglich, stündlich. Ich möchte was erwidern, recherchiere dazu noch schnell, stoße auf weiter, neue Aspekte, lese mich fest, klacke noch schneller.

    Ja, du darfst das schreiben. Alles was hilft, diese hochkomplexe Lage zu erfassen und zu verarbeiten, ist erlaubt. Meine ich. Ich hadere auch mit dem Umgang in dieser Krise. Anflüge, schale Witze über Nudeln und Klopapier zu machen, schlucke ich runter. Fühlt sich aber auch ein bisschen nach Spaßbremse an. Soll natürlich auch nicht sein. Nur steht mir der Sinn gerade nicht nach Scherzen. Ich möchte aber auch nicht moralinsauer werden. Ich versuche, hinter die Zusammenhänge zu kommen. Die Frage zu beantworten, was ist richtig, was ist falsch.

    Was können wir tun? Optimismus ist sicherlich gut. Sich jetzt noch in Gruppen zu treffen ist es definitiv nicht. Punkt. Keine Diskussion. Mich erschreckt aber, dass die Bilder derer, die das noch tun, dazu genutzt werden, bestehende Schubladenmuster noch weiter zu manifestieren. Es bringt niemandem etwas, dieses Verhalten jetzt nach dem Motto anzuprangern, ihr Jungen, die ihr noch vor wenigen Monaten auf den FFF-Demos uns Alten vorgehalten habt, eure Welt zu zerstören, handelt jetzt selber verantwortungslos und zerstörerisch. Das ist Sonnen in moralischer Überlegenheit. Kann man machen, vertieft aber nur Gräben, die wir nicht gebrauchen können.

    Ich habe allerdings die latente Befürchtung, dass der Zug hier schon lange vor der Viruskrise us dem Bahnhof raus ist. „Die Welt ist aus den Fugen“ hast du vor ein paar Monaten geschrieben. Die Fugenrisse vergrößern sich gerade zusehends. Ich hoffe, das führt noch zu einem Umdenken. Und das muss nach vorne gehen. (Sorry, das ist jetzt sehr allgemein, um nicht zu sagen platt formuliert, aber ich weiß momentan nur um die Richtung, am „wie“ arbeite ich. Permanent.

    Und jetzt gehe ich mich mal ein bisschen bei facebook und Twitter zerstreuen. Mal sehen, wie stark ich mich ablenken lasse (;

    PS: Zuletzt waren es die beiden Artikel:

    https://catalyst.nejm.org/doi/full/10.1056/CAT.20.0080#.XncKDCUU8M8.twitter…

    https://medium.com/@tomaspueyo/coronavirus-the-hammer-and-the-dance-be9337092b56

    )

    1. Howie! Wow!

      Das sind genau die Dinge, die mich umtreiben: Schale Witze vs. Spaßbremse; Fakten vs. Hoffnung; Verstehen vs. Augen-zu-und-durch; richtig vs. falsch; viel zu einfache Erklärungen, Schuldzuweisungen, der Umgang miteinander…

      Und trotzdem sind da all die Hilfsangebote, die plötzlich aus dem Boden schießen. Das sind unglaublich kreative Ansätze, wie man helfen kann, wie man schneller u. besser reagieren kann. Das beeindruckt mich sehr.

      Und es wird wahnsinnig wichtig sein, wie wir psychologisch mit dieser Krise umgehen. Jeder einzelne. Und wenn diese beiden Beiträge deine Art von Ablenkung sind, dann empfehle ich zwischendurch einfach mal Sudoko, frische Luft, Wein, Marzipan, Ringelpitz oder sonst was, was dir guttut und hoffentlich wirklich ablenkt. Ich versuche es gleich mit dem #Tatort. CU on Twitter ;-).

  2. Danke, Andrea du sprichst mir aus der Seele.
    Zur Zeit trennt sich in unserer Gesellschaft die“Spreu vom „Weizen“. Ich meine, die Art und Weise, wie die Menschen miteinander umgehen. Jetzt erkennst du „wahre“Gesichter.
    Ich wünsche mir, die Gesellschaft verstärkt das Miteinander und behält es bei.
    Bleibt gesund.
    Steffi

    1. Liebe Steffi, das ist genau das was ich schon seit Tagen denke – und auch im Umfeld sehe. Ich sehe, was in der Nachbarschaft an guten und kreativen Ideen möglich ist. Und ich sehe ebenfalls, wie egozentrisch und kurzsichtig manche reagieren. Es wäre schön, wenn wir uns in und nach der Krise weiterentwickeln. Ich hoffe sogar darauf. Bleib auch gesund. Und wir bleiben in Kontakt, gelle?

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