Morgens Fango, abends Tango

Bitte warten!

„Die ist in Kur“ hieß das früher. Meine Omma war regelmäßig in Kur. In Bad Pyrmont. Es gibt ein paar sepiastichige Schwarzweißfotos, auf denen ich gemeinsam mit meiner Omma, dem Oppa und meiner Mutter vor dem Springbrunnen in Bad Pyrmont zu sehen bin. Ich hatte ein selbstgenähtes Kleidchen und ganz bestimmt Spitzenhöschen an, in die man kleine Mädchen Mitte der 60iger steckte. Süß. Doch, doch, ich war mal süß.

Ich erinnere mich daran, dass meine Omma regelmäßig in Kur fuhr, übrigens immer nach Bad Pyrmont und wir sie dort auch immer besuchten. Jeder bekam einen Becher und durfte sich in der Wandelhalle am Heilwasserbrunnen laben. Igitt. Schmeckte wie eingeschlafene Füße und ich verlangte nach Gerri Zitrone oder zumindest Tri Top und bekam dann wenigstens ein Sunkist.

Heute sagt man „Ich bin in Reha“, was grammatikalisch genauso grausam ist wie „Ich bin in Kur.“ Der Unterschied besteht darin, dass man heutzutage entweder nach einer OP zur Reha fährt, korrekterweise AHB = Anschlussheilbehandlung oder aber, dass man sehr gute gesundheitliche Gründe vorweisen, oft auch Einspruch gegen eine erste Ablehnung erheben muss, ehe man sich rehabilitieren darf.

Meine Omma jedenfalls war gefühlt jedes zweite Jahr in Kur und das meiner Meinung nach zu Recht, diente die Kur doch dazu, ihre Arbeitskraft prophylaktisch dauerhaft zu erhalten und nicht dazu das in den Brunnen gefallene Kind wieder aufzupäppeln. Also morgens Fango, abends Tango, mit oder ohne Kurschatten.

Und heute? Ja doch, Fango gehört auch zu meinen sogenannten Anwendungen – mit anderen Worten zu meiner Therapie. Meine Omma hat’s geliebt. Und ich? Ich weiß noch nicht so recht.

Da wird eine Art heiße, feste Moorpackung auf die Liege gelegt und man soll sich dann drauflegen. Anschließend wird man mit Laken eingepackt und umwickelt, Licht aus, Entspannen. Während aus den Nachbarkabinen angenehme Seufzer zu hören sind, finde ich das unangenehm heiß. Bis ich mich entspanne, geht das Licht wieder an. „Aufwachen! Wie, Sie haben ja gar nicht geschwitzt?“ „Äh, hätte ich das sollen? Ich schwitze ziemlich selten und wenn dann auch nicht viel.“ „Ja klar sollen Sie schwitzen!“ Ist gut, Frau Fango. Beim nächsten Mal werde ich dann schwitzen. Bestimmt.

Richtig geil dagegen ist das Bewegungsbad. Im Wasser gehorchen mir alle Gliedmaßen, ich kriege das Knie soviel weiter hoch als auf dem Trockenen und natürlich reite ich am liebsten auf der Schwimmnudel wie ein Seepferdchen durchs überschaubar große Becken. Schwerelos, elegant, geradezu majestätisch. Kann aber auch sein, dass das vom Einatmen des Chlors kommt.

Zirkeltraining kennt jeder von früher. Ich habe es gehasst, am meisten einen Medizinball auf dem Bauch liegend an die Wand zu dengeln. Hier gibt es das auch, aber nur vier Stationen. U.a. soll man den Peziball mit beiden Händen seitlich zusammenpressen, an die Wand drücken und stehende Liegestütze nachahmen. Was Wunder! Ich find es gut. Und wenn man gesagt bekommt, man dürfte maximal 30 Wiederholungen machen und auch nur zwei Durchgänge, ist das ganz was anderes als in der Schule. Es macht Spaß, wenn man langsam merkt, da geht noch was.

Zirkeltraining light

Wenn ich erwähne, dass bei mir als „Rücken“ auch klassische Massage auf meinem Behandlungsplan steht, werde ich allgemein von „Hüfte“ und „Knie“ beneidet. Sie wissen es nicht besser, denn sie hatten noch nicht das Vergnügen mit Frau Feldwebel. Wenn man sich während der Behandlung auf der Liege windet – wenn man das Winden nennen kann, was man da macht – und hörbar den Schmerz im Wurzelchakra veratmet, verkündet sie: „Das kann man lernen mit Schmerz umzugehen. Ich habe das auch gelernt.“ Ich stehe innerlich auf der Liege stramm. Jawoll, Frau Feldwebel! Bis übermorgen lerne ich das.

Aber da gibt es auch Herrn Su. Herr Su ist chinesischer Arzt mit Schwerpunkt Akkupunktur. Weil er das hier aber nicht machen darf, singt er während der Massage chinesische Lieder, die er im Anschluss übersetzt. Er spielt Violine und wenn Corona dem nicht gerade einen Strich durch die Rechnung macht, gibt er auch abends Konzerte für die Patienten. Oder aber er trommelt mir den Rhythmus vom Bolero auf den Rücken, um anschließend mit Akkupressur mein Gesäß zu behandeln, so dass ich innerlich den Bolero in den höchsten Tönen jodel. Ying und Yang sollen wieder fließen. Am besten bis runter in den tauben Fuß. Herr Su traktiert mich aber so lieb und freundlich und mit so viel Verständnis für Schmerzen, dass mir ganz warm ums Herz wird.

Was von außen betrachtet lustig aussieht, hat mich anfangs ganz schön frustriert: Die Gangschulung. Storch im Salat, Gänsefüßchen vorwärts, rückwärts, auf Zehenspitzen und Hacken abwechselnd gehen, auf einem Bein stehen. Was links so leidlich klappt, funktioniert rechts so gar nicht. Ich stoße innerlich wilde Flüche aus und fühle mich ganz und gar aus dem Gleichgewicht. Mein Körper will nicht so wie ich will. Allerdings gehorcht er mir nach zwei Wochen Übens schon viel besser. Vom Zumbatanzen bin ich weit entfernt, aber ich bin zuversichtlich, dass das wiederkommt.

Tango abends ist also noch nicht drin, zumal hier logischerweise die üblichen Regeln gelten: Abstand halten, Maske auf, Hygiene, kein Ringelpitz mit Anfassen, was auch ein Kurschattendasein vermutlich erschwert. Ich habe jedenfalls noch keine gesichtet. Hier ist allerdings auch gerade sehr viel Nebel, so dass man eh nichts sieht.

Grinsen statt Grabschen 😉

Beim Essen sitzt man entweder alleine am Tisch oder mit gebührendem Abstand. Es ist erstaunlich leise mit Speisesaal. Kontakte knüpft man dann eher beim Warten auf die Therapeuten oder im Fahrstuhl (max. 2 Personen), um dann mal gemeinsam Bad Ems zu erkunden oder sich zum Ergometertraining oder Spaziergang zu verabreden.

Freizeitangebote sind natürlich gänzlich gestrichen. An sich darf man nur zu zweit zusammenstehen und es ist offensichtlich, dass Zählen nicht jedermanns Stärke hier ist. Wie auch immer: Ich heilfroh, hier gelandet zu sein und so dank der wirklich durchweg guten Therapeuten wieder zu mehr Mobilität zurück zu finden. Man munkelt, dass in Kürze wieder einige Betten hier freigemacht werden müssen, d.h. dass man aufgrund von Corona weniger Rehabilitanten aufnehmen kann. Die Kapazität wird für den Fall runtergefahren, dass Ärzte, Schwestern, Therapeuten ausfallen oder anderweitig eingesetzt werden müssen. Ich hoffe für alle Beteiligten, dass das nicht der Fall ist, denn manch einer hat sechs Monate auf einen Rehaplatz hier gewartet. 

Egal, mit wem man redet, bei jedem schwingt die Hoffnung nach mehr Normalität mit und mit der jetzigen Aussicht auf einen Impfstoff, rückt diese Hoffnung auch ein Stück näher.

Warten wir es ab. Eine andere Wahl haben wir eh nicht. Ich werde die Zeit ohne Feiern, Essen gehen, Ausstellungen und Konzerte mit Teetrinken und schön weiter Üben nutzen. Die Devise „das Beste draus machen“ gilt sowohl hinsichtlich Corona als auch meines Rückens.

Also, bleibt gesund und zuversichtlich!

Text und Fotos: Andrea Steffen

2 Antworten auf „Morgens Fango, abends Tango“

  1. Hallo Andrea,
    Wie schön Du das wieder geschrieben hast. In Bad Pyrmont haben wir u ns bestimmt schon getroffen. Mein Vater war auch oft dort.
    Ist ja echt schade, dass die sozialen Kontakte so eingeschränkt sind, denn so eine Kur/Reha kann auch sehr spaßig sein.
    Das Wichtigste ist natürlich, dass Du Fortschritte bei Deiner Gesundung machst. Hattest Du eine OP? Herr Su ist sicherlich ein Geschenk. Weiterhin gute Besserung. Drück Dich ganz dolle😘❤️

    1. Liebe Rosey,

      sorry, dass ich erst jetzt antworte, aber in so einer Reha ist man ein bisschen in seiner eigenen Blase.

      Ist ja witzig, dass du genau wie ich als Kind Bad Pyrmont kennengelernt hast. Ich war diesen Sommer noch mit Freunden dort und fand es übrigens richtig schön, insbesondere den Kurpark und die Wandelhalle. Heilwasser haben wir nicht gesüppelt, sondern Hugo ;-).

      Ja, die Reha wurde aufgrund einer Bandscheiben-OP notwendig und du sagst es: Herr Su ist ein ganz besonderer Mensch. Das haben mir die Mitpatienten hier auch bestätigt.

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